Salomo Sachs - Rezensionen
Zeitschrift für Beamtenrecht, Jg. 54 (2006), Heft 3, S.108:
1. Der erste Teil des Buches enthält ein nach 163 Jahren wieder herausgegebenes Buch. In ihm schildert ein preußischer Beamter die Probleme, die ihm in seinem Dienstleben begegnet sind. Der Verfasser war einer der wenigen Juden, denen es bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert gelang, preußischer Beamter zu werden, ohne den Weg der christlichen Taufe zu gehen. Die Memoiren des Verfassers sind in einem 2. Teil des Buches durch eine ergänzende und Archivmaterial nutzende Arbeit zweier Archivare der Jetztzeit ergänzt. Erst durch diese Ergänzungen sind die Memoiren des Autors ein Gewinn für Leser der Gegenwart, die sich erstmals mit derartigen beruflichen Werdegängen von jüdischen Mithürgern befassen wollen. Es wäre ohne diese Ergänzung zu schwierig, den Memoirentext im geschichtlichen und auch verwaltungsgeschichtlichen Zusammenhang zuzuordnen
2. Der Verfasser verdankte seine Anstellung im preußischenStaatsdienst 1792 einer liberalen, durch Gedanken der Aufklärunggeprägten Haltung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm 11. (S. 11). Jahrzehnte später wäre es schwieriger gewesen, ohne vorherige Taufe Anstellung im preußischen Staatsdienst zu finden.
Es war günstig, dass er in der Bauverwaltung einstieg auf einer Position, die deutlich niedriger war als die der Juristen im Staatsdienst. Ein erstes berufliches Malheur war ein weitgehendet Personalabbau in Preußen nach der Niederlage gegen Frankreich 1806, nach der er auf Wartegeld gesetzt wurde. Da das Warlegetd für den Lebensunterhalt der Familie nicht ausreichte, musste er sich mit Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Mathematik und Bauplanungen durchschlagen. Beeindruckt ist der Leser, wenn er feststellt, dass der auf Wartegeld gesetzte Beamte sich in der Zeil der Befreiungskriege in einer 1814 erschienenen Schrift mit dem Titel "Deutschlands gewaffnete Jugend oder erste Grundzüge von der Errichtung einer deutschen Reichswehr, zur Befestigung und Erhaltung des allgemeinen Weltfriedens" für eine allgemeine Wehrpflicht in Deutschland - und damit nicht nur in Preußen einsetzte. Erst 1817 konnte er wieder im preußischen Staatsdienst Fuß fassen.
3. Die Pflichten des Beamten waren in dem vom Verfasser wörtlich zitierten funktional der Ernennungsurkunde einsprechenden Dienstpatent wie folgt formuliert:
"Seiner Majestät Nutzen und Bestes überall suchen und befördern, Schaden und Nachtheil, soviel an ihm ist, verhüten, warnen und abhelfen etc."
Wer dieser Pflicht mit Eifer und Engagement nachgegangen ist, hat sich natürlich Feinde gemacht, bei Kollegen und auch bei Vorgesetzten. Hinzu kamen aber auch und besonders belastend Probleme mit der Religionszugehörigkeit. Als Bainnspektor in Westpreußen hatte Sachs auch mit Kirchenbauten zu tun. Der Oberpräsident machte sich zum Sprachrohr der Geistlichen und trug vor, ein jüdischer Bauinspektor dürfe keine Kirchen bauen Der Beamte jüdischen Glaubens wurde von Kollegen und Bürgern sehr misstrauisch beäugt. Dadurch sind offenbar Probleme, die beim Zusammenwirken von Menschen in einem betrieblichen oder behördlichen Organismus naturgemäß auftreten, viel schneller als im Normalfall eskaliert. Der Beamte wechselte nach Potsdam, aber die Situation wurde nicht besser. In der "Konduitenliste" (= Beurteilung) erhielt er die schlechteste Beurteilung von 16 Baubeamten. In einem Disziplinarverfahren wurde Sachs zwangspensioniert. Aus den von den Archivaren hingezogenen Unterlagen ergibt sich, dass das Verfahren durchaus sachlich geführt worden ist und nur wenige Anschuldigungen Bestand hatten. Man wollte aber einen unbequemen und vielleicht auch schwierigen Mitarbeiter los werden und der Weg der Zwangspensionierung war ein Mittel, bei dem die Handelnden glaubten, kein zu schlechtes Gewissen haben zu müssen.
4. Das Buch enthält noch viele Hinweise über das Wirken des Beamten bei Bauprojekten, auch Hinweise über Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Bautechnik usw. und hat damit Teile, die für Ingenieure in der Verwaltung interessant sein können. Insgesamt enthält das Buch ein Lebensbild eines Beamten der Zeit, in der sich das Berufsbeamtentum auf der Grundlage preußischer Tradition stabilisiert hatte und es gibt einen guten Einblick in die preußische Verwaltung der Zeit unter den Königen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III., aber auch ein sehr gutes Bild von den Schwierigkeiten jüdischer Mitbürger, zu gleichberechtigten Bürgern zu werden. Das Buch ist für den Leser ein Gewinn und dem Verlag ist dafür zu danken, auch das Lebensbild eines Beamten in die Reihe "Jüdische Memoiren" aufgenommen zu haben.
Prof. Dr. Rudolf Summer
© 2006 Heegewaldt & Sander